Visionen für Städte der Zukunft

Antwort auf das Bevölkerungswachstum: Neue Städte für Millionen

Ob in Asien, Arabien oder Afrika – in vielen Regionen wird intensiv an Plänen für neue Großstädte gearbeitet. Bei den ambitionierten Vorhaben geht es nicht nur um riesige Investitionsvorhaben. Die neuen Planstädte sollen über modernste digitale und vernetzte Infrastrukturen verfügen, ihre Energieversorgung und Verkehrssysteme nachhaltig und umweltgerecht sein. In unserem Beitrag wollen wir einen kleinen Überblick über ausgewählte Projekte geben. Denn in Zukunft werden wir uns an einige neue Stadtnamen gewöhnen müssen. Die Städte der Zukunft heißen NEOM, Lusail City oder New Cairo.  

Text: ESKP-Redaktion

Fachliche Durchsicht: Dr. Sadeeb Simon Ottenburger (KIT)

In der Mitte dieses Jahrtausends werden weltweit 70 Prozent der Bevölkerung in Städten leben. Doch wie schafft man es, diesen stetigen Bevölkerungszuwachs so zu bewältigen, dass Städte nicht kollabieren und Prozesse reibungslos laufen? Dass Infrastrukturen nicht zusammenbrechen und die Städte lebenswert bleiben? Eine mögliche Antwort liefert das Konzept der Smart City, der intelligenten Stadt. Überall auf der Welt wird an diesem Konzept gearbeitet, geforscht und experimentiert. Auch wenn es noch keine allgemeingültige Definition gibt, was Smart Cities genau sind, existiert die verbindende Grundidee, durch die intelligente Verknüpfung von digitalen Technologien und Daten Stadtplanung und Stadtmanagement effizienter, innovativer und besser zu machen. Städte nachhaltig gestalten mithilfe digitaler Technik, das ist eine der Ideen von Smart Cities. Hinzu kommt vielfach die Vorstellung, mittels einer engen Einbindung von Bewohnern in politische Entscheidungsprozesse, beispielsweise durch E-Government, mehr Transparenz in städtische Entwicklungsprozesse zu bringen und die Stadt als gesellschaftliche Einheit zu erhalten.

  • Aktuell leben ca. 3 Milliarden Menschen in Städten; im Jahr 2050 werden es wahrscheinlich doppelt so viele sein.
  • Auf das Bevölkerungswachstum reagieren Staaten wie Indien oder China mit großen Bauprojekten für neue Millionenstädte.
  • Diese neuen Städte werden von Anfang an als Smart Cities konzipiert und sollen nachhaltig ausgerichtet werden.

Um einen Einblick zu bekommen, wie so eine „smarte“ Stadt der Zukunft aussehen könnte, muss man sich die Pläne von Google im kanadischen Toronto anschauen. Dort will der Technologiekonzern am Hafen ein Stadtquartier für Zehntausende Menschen errichten. Der Name des Projekts: „Quayside“. Die Menschen dort sollen vernetzt leben und arbeiten. Nach den bisherigen Plänen besitzt in Quayside nur noch eine Minderheit der Bewohner ein eigenes Fahrzeug (20 Prozent), autonomes Fahren und öffentliche Verkehrsmittel haben Vorrang. Das Quartier ist gespickt mit Sensoren, die permanent Auskunft über Verkehrsaufkommen, Luftqualität, Lärmpegel, Müllaufkommen oder Energieverbrauch liefern. Aber auch die Nutzung von Grünflächen wird beobachtet und die optimalen Standorte für Einkaufsmöglichkeiten durch die Auswertung von Daten gesucht. Das Projekt Quayside soll nach den Vorstellungen von Google als Blaupause für die Errichtung weiterer Smart Cities überall auf der Welt dienen.

Megapläne in der arabischen Welt

Unabhängig vom Technologiekonzern Google entstehen allerorten weitreichende Pläne für Smart Cities, die für die Bewohner lebenswert sein und gleichzeitig ressourcenschonender funktionieren sollen, im Idealfall sogar CO2-neutral. Die Planungsdimensionen für Smart Cities in der arabischen Welt, in Asien oder Indien sind weitaus größer als die von Toronto. Saudi-Arabien will bis zu 500 Milliarden Euro in das Megaprojekt „NEOM“ investieren, einem gigantischen Wohn- und Technologiepark im Nordwesten der arabischen Halbinsel an der Grenze zu Jordanien und der Sinai-Halbinsel.

Die Ausarbeitung des Konzepts für NEOM  steht noch am Anfang, und die Art und Weise, wie die Megacity funktionieren soll, ist bislang nur in Ansätzen bekannt. Aber es wurde bereits angekündigt, dass in NEOM mühsame Arbeiten künftig von Robotern erledigt werden. Die Bewohner erhalten ihre Einkäufe mittels Drohnen direkt nach Hause. Klassische Supermärkte, wie wir sie heute kennen, gibt es dort nicht mehr. NEOM versorgt sich laut Plan mittels Solar- und Windtechnik autark aus erneuerbaren Energien. Obst und Gemüse werden vor Ort in Farmen und Gewächshäusern gezogen. Die Stadt soll vor allem attraktiv werden für junge karrierebewusste Saudis und eine Antwort auf das schnelle Bevölkerungswachstum sein. Denn die demografische Entwicklung Saudi-Arabiens verläuft rasant: Von den rund 32 Millionen Saudis sind etwa zwei Drittel 25 Jahre oder jünger und jedes Jahr strömen mehr als 300.000 junge Menschen neu auf den Arbeitsmarkt. Der Bedarf an neuen Wohn- und Erwerbsmöglichkeiten ist also hoch.

Was NEOM für Saudi Arabien, ist New Cairo für Ägypten. Das alte Kairo, das zusammen mit dem Umland 22 Millionen Einwohner zählt, platzt aus allen Nähten. Östlich von Kairo soll daher New Cairo als neue smarte Hauptstadt für fünf Millionen Einwohner entstehen, um dem Bevölkerungsanstieg Herr zu werden. Auch hier sind die Dimensionen gewaltig: mehr als 600 Krankenhäuser, 700 Kindergärten, mehr als 1.000 Moscheen und ein neuer Flughafen, der größer wird als London Heathrow. Auch hier soll Nachhaltigkeit im Zentrum stehen. Auf 91 Quadratkilometern entstehen Energiefarmen für erneuerbare Energien. Fußgänger haben, so der Wunsch, überall in der Stadt Vorrang.

Ähnliche Pläne gibt es mit New Amman in Jordanien sowie mit Lusail City in Katar Beide Städte sind als als intelligente und nachhaltige Städte mit einem hohen Grünanteil angelegt. Für Lusail City ist beispielsweise nicht nur eine gute Bahnanbindung nach Doha geplant, auch in der Stadt sollen Straßenbahnen für eine Alternative zum Autoverkehr sorgen.

Lesetipp: Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen WBGU (2016): Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte. Berlin. Link

Planstädte weltweit im Aufwind, aber funktionieren sie auch?

Sehr ehrgeizig ist man in punkto Smart Cities in China. 500 Städte wollen sich zu intelligenten Städten weiterentwickeln, knapp 300 davon haben erste Smart-City-Projekte  entwickelt. Beispielsweise setzt die 15-Millionen-Stadt Tianjin darauf, ihren Verkehr intelligent zu machen. Dazu sollen verschiedene Verkehrssysteme mit E-Mobilität und vernetztem Parken kombiniert und vernetzt werden. In der südkoreanischen Planstadt Songdo City ist die effiziente Nutzung der Ressourcen bereits heute Realität. Durch Vernetzung von Sensoren können beispielsweise Jalousien automatisch günstig eingestellt werden, wenn es der Sonnenstand nötig macht. Die Heizungen in den Wohnungen und Büros können ferngesteuert werden und heizen nur dann, wenn sich dort auch Menschen aufhalten. Und die Straßenlaternen leuchten dort, wo auch tatsächlich Menschen unterwegs sind. Es wird permanent gemessen, an welchen Straßen das Schadstoffaufkommen zu hoch ist. Die Stadt ist komplett videoüberwacht, 50.000 Kameras sind rund um die Uhr im Einsatz, um den Bewohnern maximale Sicherheit zu bieten. Ähnlich wie im geplanten Google-Quartier in Toronto wird der Müll selbständig entsorgt und recycelt. Nach heutigem Kenntnisstand ist der Verbrauch von Energie und Ressourcen in Songdo effizient reguliert. Hier werden Einsparungen von 30 Prozent gegenüber anderen Städten genannt. Das Problem in Songdo ist noch die urbane Vielfalt. An manchen Stellen wirkt die komplett vernetzte City wie eine Geisterstadt, obwohl sie ihren Bewohnern jeden Komfort und jede technische Raffinesse bietet.

Dass nicht alle Hoffnungen in die neuen Megacitites sofort aufgehen, zeigt das Projekt „Masdar“ in den Vereinigten Arabischen Emiraten als erste „Null-Emissions-Stadt der Welt“. Das ehrgeizige Stadtbauprojekt ist ins Stocken geraten und liegt seit der Finanzkrise 2008 auf Eis. Nur einige Bauwerke sind fertiggestellt worden. Ähnlich auch die chinesische Vorzeige-Ökostadt Dongtan, die sang- und klanglos in den Schubladen verschwand. Aber der Trend zu neuen Planstädten  ist unaufhaltsam. Schätzungen gehen davon aus, dass seit Mitte der 1990er Jahre weltweit einhundert neue Stadtbauprojekte geplant wurden, wohlgemerkt ohne China. Denn China liegt uneingeschränkt vorne, wenn es um neue Städte geht. Seit dem Jahr 1949 sind dort 600 neue Städte entstanden, aktuell sind für gezählte 32 Provinzen allein 200 neue in Planung.

Ein Problem der neuen Städte scheint unaufhebbar. Zwar zeigen sie sich gerne im Gewand der Nachhaltigkeit, aber bislang gibt es keine vollständige Energiebilanz für sie. Denn auch die Herstellung von Solarpanelen und Windkraftanlagen benötigt große Mengen Energie. Gelingt in den neuen Städten wirklich der Verzicht aufs Auto? Und woher stammen die eingesetzten Baumaterialien? Werden sie regional gewonnen oder über weite Strecken an Land und auf See zum Bestimmungsort transportiert? Wieviel Landressourcen werden für den Neubau benötigt? Werden die neuen Städte auf fruchtbaren Böden erstellt, die dann unwiederbringlich verloren gehen und gibt es Planungen für Ausgleichsflächen? Werden durch den Neubau funktionierende Ökosysteme zerstört? All diese Fragen, die ein wichtiger Gradmesser für wirkliche Nachhaltigkeit sind, bleiben in den bislang vorgestellten Konzepten noch weitgehend unbeantwortet.

Das Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) weist darauf hin, dass das Flächenwachstum der Städte "vielfach auf Kosten von Ackerland im direkten Umfeld geht, denn Städte entstehen häufig in fruchtbaren Regionen." So verlief nach Angaben des WBGU-Berichts in China die Hälfte des urbanen Wachstums auf Kosten wertvoller landwirtschaftlicher Flächen (Bai und Liu, 2014). Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO, 2011) werden bis 2050 zusätzliche 100 Mio. ha für Siedlungs- und Infrastrukturzwecke umgewandelt. Von diesen Flächen wird die landwirtschaftliche Produktion verdrängt und muss auf andere Flächen ausweichen. Mit dem Wachstum verschwinden aber auch Ökosysteme und mit ihnen die verbundenen Ökosystemdienstleistungen und Biodiversität. Das Wachstum der Städte und das Entstehen neuer Städte verursacht Kosten und hat enorme Rückwirkungen auf die Umwelt. Es wäre ein guter Zeitpunkt, diese Rückwirkungen und Kosten noch stärker in den Blick zu nehmen.

Beitrag erstellt am 9. Mai 2018

Das Flächenwachstum der Städte geht vielfach auf Kosten von Ackerland im direkten Umfeld.

Grafik Stadtwachstum

Urban Sprawl: Ausbreitung von Städten
Am Beispiel der chinesischen Stadt Chengdu ist gut das globale Phänomen der "Zersiedlung" zu sehen. Das Flächenwachstum von Städten hat sich in den letzten Jahren stark beschleunigt. Die Ausbreitung der Stadt Chengdu zwischen den Jahren 2000 und 2009 ist wesentlich größer als im Zeitraum 1988 bis 2000. Die Einwohnerzahl ist von 2 Millionen (1988) auf 9,3 Millionen (2009) gewachsen.
Quelle: Atlas of Urban Expansion, 2016 | Grafik: Wissensplattform Erde und Umwelt, eskp.de/CC BY 4.0

Quellen

  • Bai,  X.  und Y. Liu (2014):  Realizing  China’s  urban  dream.  Nature 509, 158–160. Link
  • FAO – Food and Agriculture Organization (2011): The State of the World’s Land and Water Resources for Food and Agriculture.  Managing  Systems  at  Risk.  London,  Rom. Link