Stadtklima und Lebensqualität

Enger zusammenrücken: Mit dem Wachstum der Städte wächst der Wert von Grünflächen

Die Lebensqualität in Städten wird entscheidend beeinflusst von der verfügbaren Fläche an urbanem Grün. Doch nicht nur die Anzahl oder Größe von Grünflächen ist für das Wohlbefinden der Menschen maßgeblich. Grünanlagen müssen für Bürger auch gut erreichbar sein. Mit dem ungebrochenen Wachstum der Städte wächst der Druck auf freie Flächen und damit auch auf das Stadtgrün.

Text: ESKP-Redaktion

Fachliche Durchsicht: Dr. Ellen Banzhaf (UFZ) 

Welchen Wert haben Grünflächen? Diese Frage stellt man angesichts von Stadtwachstum und Wohnungsnachfrage, denn Nutzungskonflikte um Flächen nehmen zu. Doch das Grün in der Stadt ist allen Bürgern wichtig. Grünflächen besitzen Potenziale für Soziales, Gesundheit, Klima, Biodiversität und Baukultur, diese Potenziale tragen zum Erhalt oder der Verbesserung der urbanen Lebensqualität bei. Urbanes Grün dient Mensch und Umwelt und ist eine Grundlage für nachhaltige Entwicklung. Letztere geht einher mit einem behutsamen Umgang mit der nur begrenzt verfügbaren und daher wertvollen Ressource Fläche. Öffentliche Grünanlagen und ein grünes Wohnumfeld erhöhen die Vitalität und stehen für Lebensqualität.

Wie passen Umweltverträglichkeit, Wohlstand und Lebensqualität in der Stadt zusammen? Die UN-Habitat-Studie „State of the World’s Cities 2012/2013“ weist darauf hin, dass Ballungsräume einen hohen Verbrauch an Umweltgütern und Ökosystemleistungen aufweisen, ebenso wie an Nahrungsmitteln, Wasser und Energie. Aber auch hinsichtlich Grün- und Freiflächen ist der Bedarf in Ballungsräumen sehr hoch. Wenn Städte Wohlstand anstreben, zeigt es sich, dass der Bedarf an Umweltleistungen und die Bereitstellung dieser Leistungen untrennbar verknüpft sind. Die Kapazitätsgrenzen bei Konsum und der Inanspruchnahme von Flächen werden in Megacities nicht nur erreicht, sondern sogar überschritten. So konstatiert die UN, dass wirtschaftliches Wachstum und der Schutz der Umwelt zusammengehören. Es ist daher eine der größten Herausforderungen für wachsende Städte, eine lebenswerte Umgebung zu schaffen und zu erhalten. Dabei ist grüne Infrastruktur Teil der notwendigen leistungsfähigen urbanen Versorgungssysteme. Auch die Qualität der Umwelt und ihre subjektive Wahrnehmung durch die Bewohner der Megacities sind hier wichtige Bausteine.

  • Grünflächen in der Stadt übernehmen weit mehr Aufgaben als (nur) das Filtern von Luft.
  • Wenn Städte nachverdichtet werden, weil neuer Wohnraum dringend benötigt wird, geraten Grünflächen schnell unter Druck.
  • Für die Planung wäre es wichtig, die Stadt wie ein Netz mit Grünflächen zu überziehen, sodass alle Bewohner ausreichend versorgt und die Grünflächen gut erreichbar sind.

Vielfältige Aufgaben für das Stadtgrün

Unabhängig, ob man Menschen in Delhi, Jakarta oder New York hinsichtlich ihrer Vorstellungen nach Lebensqualität befragt, erhält man immer wieder ähnliche Antworten: eine menschenwürdige Beschäftigung, subjektives Wohlbefinden, ein funktionierendes soziales Umfeld, Zugang zum Bildungssystem, eine intakte Natur, Gesundheit oder ein erfüllendes Familienleben. Ein häufig unterschätzter Faktor für Lebensqualität sind öffentliche Räume und Grünflächen. Grünflächen sind Oasen der Erholung. Sie versorgen die Stadt mit frischer Luft. Sie filtern Schmutzpartikel und Feinstaub und mindern die Lärmbelastung. Zudem sind sie wertvoll für den Erhalt der innerstädtischen Biodiversität. Der Wert und Nutzen von urbanem Grün ist längst im Bewusstsein der Stadtbewohner verankert. Gerade sie brauchen eine multifunktionale grüne Infrastruktur, die unterschiedliche Leistungen erbringen kann. Als Freifläche dient grüne Infrastruktur der Naherholung und der sportlichen Aktivität. Sie ermöglicht als öffentlicher Kommunikationsraum auf vielfältige Weise den sozialen Austausch zwischen den Bewohnern.

Grünflächen stellen in der Stadt verschiedenste Ökosystemdienstleistungen zur Verfügung wie die lokale Klimaregulierung. So wirken sie städtischen Hitzeinseln entgegen und schwächen sommerliche Hitzeeffekte durch Beschattung und Verdunstung ab. Sie verbessern das Mikroklima und mindern die gesundheitliche Belastung von Hitzeinseln für die Stadtbewohner. Zugleich bilden sie mögliche Überflutungsflächen bei Hochwassern oder Starkregen und tragen wesentlich zur Neubildung von sauberem Grundwasser bei. Und sie bereichern das Stadtbild auch ästhetisch. Gerade öffentlich zugängliche „grüne Orte“ wie Parks, Stadtwälder oder Uferzonen nehmen daher in der Entwicklung von Städten eine herausragende Stellung ein. Die hier skizzierte Multifunktionalität rückt zunehmend in den Blickpunkt öffentlichen Interesses, weshalb der Erhalt der Grünflächen verstärkt Eingang in städtische Flächennutzungspläne findet.

Wenn Städte nachverdichtet werden, weil neuer Wohnraum dringend benötigt wird, geraten Grünflächen schnell unter Druck. Die Bebauung von Freiflächen bedeutet einen irreversiblen Verlust, dem planerisch entgegengewirkt werden muss. Aus diesem Grund arbeiten Forscher des UFZ eng mit Planern verschiedener städtischer Ämter und anderen Entscheidungsträgern zusammen. Diese transdisziplinäre Arbeitsweise ermöglicht, die Erkenntnisse untereinander auszutauschen und gegenseitig voneinander im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung zu lernen. Denn fehlen wachsenden Städten geeignete Konzepte zur Erhaltung und Förderung von Grünflächen, wird Stadtgrün zurückgedrängt, und es gehen vielfältige positive Effekte und Funktionen verloren.

Diagramme Anteil Stadtgrün

Anteil der Grün- und Wasserflächen an der Gesamtfläche

Grafik: Wissensplattform Erde und Umwelt, eskp.de/CC BY 4.0

Südkorea: Die Hälfte der Stadt wird grün

Besonders in Asien und den arabischen Staaten sind aus diesen vielfältigen Gründen in den letzten Jahren zahlreiche neue Parks und innerstädtische Grünflächen entstanden. Allein Shenzen in China hat in den vergangenen 10 Jahren mehr als neue 400 Parks entwickelt. Singapur ist stolz, dass 50 Prozent der Stadtfläche aus Grün besteht. Und kaum jemand weiß: Peking hat im Stadtgebiet prozentual mehr Grünflächen ausgewiesen (46 Prozent) als beispielsweise Berlin (44 Prozent), welches häufig als Vorbild einer grünen Stadt gilt. Neue Planstädte wie das südkoreanische Songdo City verfolgen von vornherein das Ziel, die Hälfte des Stadtgebiets für Grünflächen zu reservieren. Straßenbäume prägen das Stadtbild, die Dächer der Häuser werden systematisch begrünt. Nach dem Vorbild Manhattans wurde in der Mitte der 41 Hektar große Songdo Central Park angelegt, der allein 10 Prozent der Stadtfläche einnimmt.

Und Befragungen aus Deutschland zeigen, dass Stadtgrün von den Bewohnern der Städte als wichtig bzw. sehr wichtig bewertet wird, Tendenz steigend. Die bekannteste Kennzahl für die Ausstattung der Stadt mit Vegetation ist ihr Grünflächenanteil pro Einwohner. Doch sagt dieser Durchschnittswert nichts über die räumliche Verteilung in der Stadt aus. Er beschreibt auch nicht die Versorgung einzelner Stadtquartiere mit Grün oder die Zugänglichkeit der Grünflächen für die Bewohner und ihre Nutzungsmöglichkeiten.

Ausreichend Grünflächen in allen Stadtgebieten sichern

In einer Studie, die Dr. Ellen Banzhaf vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) gemeinsam mit ihren Kollegen Dr. Sonia Reyes Paecke und Dr. Francisco de la Barrera in Santiago de Chile durchgeführt haben, fanden die Forscher heraus, dass in den untersuchten Stadtquartieren der chilenischen Hauptstadt die Versorgung mit öffentlich zugänglichen Grünflächen sehr unterschiedlich ausgestaltet ist. So stehen in ärmeren Stadtvierteln zwar öffentliche Grünflächen zur Verfügung, ihre räumliche Verteilung und ihre tatsächliche Vegetationsbedeckung lassen jedoch sehr zu wünschen übrig. Demgegenüber gibt es in wohlhabenderen Bezirken zwar nicht mehr Grünflächen, jedoch weisen diese einen hohen Vegetationsbestand auf und bieten reichlich Schattenflächen. Gleichzeitig ist in reicheren Stadtteilen der Anteil an privaten Grünflächen sehr viel höher.

Aber trotz der Unterschiede zwischen sozial sehr unterschiedlichen Stadtvierteln schrieben die Bewohner ihren Grünflächen viele sozial wie auch ökologisch positive Eigenschaften zu. Überall nutzen Kinder Grünflächen als Spielplatz. Doch gerade in sozial benachteiligten Gegenden sind öffentliche Grünanlagen für ihre Anwohner viel mehr als nur Kinderspielplatz: Hier kommen sie in Kontakt mit der Natur und fühlen sich durch Sport und Spiel sowie durch Austausch mit Nachbarn als Teil einer Gemeinschaft. In den einkommensstärkeren Vierteln werden Grünflächen hauptsächlich von „Nannies“ mit ihren Kindern genutzt. In den ärmeren Vierteln hingegen findet sich das gesamte Altersspektrum von Kindern bis Senioren. Aus ihren Erkenntnissen leiten die Autoren der Studie ab, dass man Grünflächen – ihre Größe und Beschaffenheit – sowie ihre Nutzung immer im sozialen Kontext betrachten muss. So können sie mit sozialräumlichen Indikatoren verbunden werden und sind eine wichtige Messgröße für eine integrierte nachhaltige Stadtplanung.

In Berlin haben 28 Prozent der Einwohner fußläufig keinen Zugang zu einer erholungsrelevanten Grünfläche.

Die Erkenntnisse aus Santiago lassen sich auf viele andere Städte übertragen, auch hier in Deutschland. Denn selbst in einem hochentwickelten Land wie der Bundesrepublik gibt es in sozial benachteiligten Wohngebieten rund ein Viertel weniger Grün als im städtischen Durchschnitt. In Berlin beispielsweise haben nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz 28 Prozent der Einwohner fußläufig (noch) keinen Zugang zu einer erholungsrelevanten Grünfläche. Die Europäische Umweltagentur empfiehlt, dass der nächste Park von jedem Punkt einer Stadt aus nicht mehr als 300 Meter weit entfernt sein soll. Für die Planung wäre es daher wichtig, die Stadt wie ein Netz mit Grünflächen zu überziehen, so dass alle Bewohner ausreichend versorgt und die Grünflächen gut erreichbar sind.

Ein weiterer Faktor wird in diesem Zusammenhang häufig zu wenig beachtet: Grüne Stadträume beeinflussen den Gesundheitszustand der Menschen positiv – physisch wie psychisch. Sie bieten Raum für sportliche Aktivitäten, Kinder können ihre kognitiven Fähigkeiten durch Aufenthalt in der Natur besser entwickeln. Parks sind soziale Treffpunkte und können auch einer Vereinsamung entgegenwirken. Gerade hochdynamische Städte wie Berlin, München oder Hamburg haben durch die Zunahme von Bevölkerung und Pendlerströmen mit höherem Verkehrsaufkommen und steigender Lärmbelastung zu kämpfen. Mit jedem Wachstumsschub einer Stadt werden die vorhandenen Grünflächen wertvoller und schützenswerter. Und will man die Lebensqualität in Städten erhalten oder sogar weiter befördern, wächst die Notwendigkeit, die Grünstruktur weiter zu verbessern und die Grünflächenentwicklung zu einer zentralen stadtplanerischen Aufgabe zu machen.

36 Millionen Bäume pro Jahr verschwinden

Die städtischen Gebiete der USA haben im Zeitraum von 2009 bis 2014 etwa 36 Millionen Bäume pro Jahr verloren. Dies ist das Ergebnis einer Auswertung von Satellitenaufnahmen, die jüngst im Fachmanagazin "Urban Forestry & Urban Greening" veröffentlicht wurde. Das entspricht einem jährlichen Flächenverlust von mehr als 700 Quadratkilometern. Konservative Schätzungen gehen durch den Rückgang von einem Wertverlust von 96 Millionen Dollar pro Jahr aus.

Alabama, Florida und Georgia waren dabei die Staaten mit dem größten jährlichen Nettoverlust in Baumbedeckung in städtischen Gebieten. Die Autoren der Studie warnen davor, dass der Trend zum Rückgang innerstädtischen Grüns durch Neubauten und Flächenversiegelungen auch in den kommenden Jahren wahrscheinlich anhalten wird, mit negativen Folgen für das Stadktlima, das Wohlbefinden und letztlich die Gesundheit der Stadtbewohner. 

Quellen

  • Banzhaf, E., Reyes-Paecke, S. M., de la Barrera, F. (2018): What really matters in green infrastructure for the urban quality of life? Santiago de Chile as a showcase city. In: Kabisch, S., Koch, F., Gawel, E., Haase, A., Knapp, S., Krellenberg, K., Nivala, J., Zehnsdorf, A. (eds.) Urban transformations - Sustainable urban development through resource efficiency, quality of life and resilience. Future City 10 Springer International Publishing, Cham, p. 281-300. Link
  • Wang, J. & Banzhaf, E. (2018): Towards a better understanding of Green Infrastructure: A critical review. Ecological Indicators 85, p. 758-772. Link