Handlungsoptionen: Umgang mit Ressourcen

Impulse für die naturwissenschaftliche Ausbildung

Wie entstehen Konflikte um die Rohstoffgewinnung? Wie weit reicht die Verantwortung der Forschung? Mit diesen Fragen können Verantwortliche im  Tiefseebergbau und  der damit verbundenen Technologieentwicklung konfrontiert werden. Sozialwissenschaftliche Perspektiven können beim Verständnis hilfreich sein.

Text: Dr. Alena Bleicher (UFZ)

Die Rohstoffgewinnung aus maritimen Lagerstätten ist nicht nur eine technisch-naturwissenschaftliche Herausforderung, sondern auch eng mit verschiedenen sozialen Systemen verknüpft. Hierzu zählen beispielsweise spezifische soziale Systeme und Gesellschaften in den Regionen der (potenziellen) Rohstoffgewinnung, das System internationalen Rechts, aber auch das System von Wissenschaft und Industrie. Zunehmend sehen sich gerade Naturwissenschaften mit der Anforderung konfrontiert, Forschung und Technologieentwicklung gesellschaftlich zu legitimieren (vgl. Felt und Wynne 2007). Das gilt auch für die maritime Rohstoffgewinnung, an die verschiedene Ansprüche gestellt werden. So soll sie nicht nur ökologisch verträglich sein, sondern gleichzeitig verantwortungsvoll erfolgen, sodass tatsächlich die Gesellschaft von den Investitionen in Naturwissenschaften und Technologieentwicklung profitieren kann (Baker und Beaudoin 2013). Diese Perspektive erfordert die Berücksichtigung ethischer Fragen und gesellschaftlicher Bedürfnisse. Grundlage einer solchermaßen verstandenen Verantwortung von Forschung und Entwicklung ist ein Verständnis gesellschaftlicher Strukturen, Ansprüche und Ziele.

Vor diesem Hintergrund ist es ratsam, ein grundlegendes Verständnis für die Relevanz gesellschaftlicher Perspektiven in der Aus- und Weiterbildung zukünftiger Wissenschaftler, Technologieentwickler und Experten zu schaffen. Hierbei können Erkenntnisse aus den Sozial- und Geisteswissenschaften eine nützliche Grundlage bilden (vgl. Stilgoe und Guston 2016). Gerade in rohstoffbezogenen Studiengängen wird entsprechendes Wissen bislang jedoch kaum vermittelt. Dabei gibt es eine Reihe relevanter Themen, die in zukünftigen Lehrmodulen aufgegriffen werden sollten. Hierzu zählen unter anderem:

  • Konfliktanalyse: Konflikte, die im Zusammenhang mit der Rohstoffgewinnung und neuen Rohstofftechnologien entstehen können, sollten identifiziert und ihre vielfältigen Ursachen verstanden und mögliche Lösungsstrategien entwickelt werden.
  • Technikfolgenabschätzung: Ansätze zur Abschätzung von Technikfolgen, die es erlauben, gesellschaftliche Perspektiven einzubeziehen, sind gerade bei neu aufkommenden Technologien, deren Wirkungen noch nicht vorhersehbar sind, angemessen.
  • Gesellschaftliche Wahrnehmung: Akteure handeln aufgrund ihrer (unterschiedlichen) Wahrnehmung und Interpretation eines Themas. Unterschiedliche Faktoren wie persönliche Betroffenheit, kulturelle Interpretationsmuster oder Interessen beeinflussen die Wahrnehmung.
  • Verteilungsgerechtigkeit: Vor- und Nachteile der Rohstoffgewinnung sind in der Regel ungleich verteilt. Es bedarf einer Auseinandersetzung damit, wie sie möglichst angemessen und ‚gerecht‘ verteilt werden können als auch damit, wie und durch wen definiert werden kann wann eine Verteilung gerecht und angemessen ist.
  • Ethische Perspektive: Die eingehende Betrachtung ethischer Belange, Wertefragen und Fragen der Verantwortung in interkultureller Perspektive ist notwendig, um Konflikte zu verstehen, aber auch, um die Entwicklung innovativer Technologien gesellschaftlich verantwortlich zu gestalten.
  • Gestaltung von Rohstoffindustrie und -politik: Ein Diskurs darüber, ob Governance-Ansätze wie z.B. die ‚Social License to Operate‘ auf den Tiefseebergbau übertragbar sind und welche Vor- und Nachteile dies mit sich bringt.

Durch die Entwicklung von Lehrveranstaltungen, die relevantes sozialwissenschaftliches Wissen für den Abbau von Rohstoffen (im Meer) in gut handhabbarer, modularer Form aufbereiten, können Inhalte in bestehende Curricula der Aus- und Weiterbildung leichter integriert und die Wissensbasis entsprechend erweitert werden. Lehrveranstaltungen sind dann sinnvollerweise so konzipiert, dass ein interdisziplinärer und sozialwissenschaftlicher Fokus den Ausgangspunkt bildet und die naturwissenschaftlich-technische Perspektive auf die Thematik ergänzt. Auf diese Weise kann sozialwissenschaftliches Wissen so nutzbar gemacht werden, dass es ohne vertiefende theoretische und konzeptuelle Kenntnisse erlern- und anwendbar ist.

Die Lehrveranstaltungen können sowohl die universitäre Ausbildung in relevanten naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen ergänzen als auch in die Weiterbildungscurricula von Experten und Expertinnen z.B. in Bergbau- und Explorationsunternehmen einbezogen werden. Unterschiedliche Formate wie eine regelmäßige Veranstaltung im Lauf eines Semesters oder Blockveranstaltungen, z.B. als Sommerschule oder als Wochenendfortbildung, sind dabei denkbar.

  • Sozial- und geisteswissenschaftliche Perspektiven müssen mit naturwissenschaftlichen zusammengebracht werden.
  • Durch die Entwicklung von Lehrveranstaltungen, die relevantes sozialwissenschaftliches Wissen für den Abbau von Rohstoffen (im Meer) in gut handhabbarer Form modular aufbereiten, lassen sich Inhalte in bestehende Curricula der Aus- und Weiterbildung gut integrieren.
  • Dadurch kann die Wissensbasis entsprechend erweitert werden.

Hintergrund: Social License to operate

Die Idee der social license to operate (SLO) wurde in den 1990er Jahren von der Rohstoffindustrie in Reaktion auf den zunehmenden öffentlichen Widerstand gegen Rohstoffgewinnungsprojekte und die Forderung nach stärkerer Einbeziehung lokaler Gemeinden in entsprechende Vorhaben entwickelt (Prno 2013). Es wurde deutlich, dass die Erfüllung (umwelt-) rechtlicher Anforderungen allein nicht mehr ausreichte, um gesellschaftliche Erwartungen an bergbauliche Vorhaben zu erfüllen (Prno 2013).

Vor diesem Hintergrund wird die Erreichung einer sogenannten social license to operate als ein Mittel verstanden, möglicherweise kostspielige Konflikte zur vermeiden und das unternehmerische Risiko zu senken. Die Idee der SLO ist, dass Nachhaltigkeitsaspekte beachtet und lokale Akteure frühzeitig in Bergbauvorhaben einbezogen, ihre Belange aufgegriffen werden und auf diese Weise eine kontinuierliche Unterstützung eines Bergbauvorhabens durch lokale Gemeinden entsteht.

Allerdings ist der Begriff der license  oder Genehmigung insofern irreführend, als dass es sich (bislang) nicht um ein transparentes Verfahren oder ein rechtlich bindendes Dokument handelt, das auf Grundlage nachvollziehbarer  Kriterien entsteht (Owen 2016, Parsons und Moffat 2014). Einige Autoren argumentieren sogar, dass die Idee der SLO in der Praxis eher dem Abwehren kritischer Diskussionen und der Durchsetzung der Geschäftsinteressen der Rohstoffindustrie dient als einer tatsächlichen und bestenfalls gleichwertigen Einbeziehung lokaler Belange (Owen und Kemp, 2013).

In Verbindung mit Themen der Rohstoffgewinnung wurde in der Nachwuchsgruppe GORmin ein entsprechendes Lehrmodul entwickelt, das erstmals im kommenden Wintersemester 2018/2019 an der Technischen Universität Clausthal im Masterstudiengang ‚Umweltverfahrenstechnik und Recycling‘ unterrichtet wird (Bleicher et al. 2018).

Einen ähnlichen Ansatz, aber bezogen auf Energiethemen, verfolgt das Projekt TEACHENER. Im Rahmen dieses Projektes werden acht Lehrmodule entwickelt, die ab Mitte 2019 frei zur Verfügung stehen werden und von jedermann genutzt werden können. Die erarbeiteten Themen sind auch auf Rohstoffthemen übertragbar.

Gerade diejenigen Studiengänge, die sich mit Rohstoffgewinnung und Rohstoffsicherung beschäftigen, müssen sich noch stärker damit auseinandersetzen, dass ihre Forschungsarbeit in einen gesellschaftlichen und politischen Kontext eingebunden ist. Lösungsangebote aus den Naturwissenschaften werden immer stärker gesellschaftlich hinterfragt und sehen sich zunehmend kritischen Fragestellungen über den Nutzen, mögliche Umweltfolgen und mögliche gesellschaftliche Auswirkungen gegenübergestellt.

Die öffentliche Bewertung von Naturwissenschaft und ihrer Folgen, aber auch die Partizipationsansprüche an Wissenschaft insgesamt haben sich verändert. Die Integration aktueller und künftig zu erwartender gesellschaftlicher Debatten in Verbindung mit sozialwissenschaftlichen Erklärungsansätzen in die Aus- und Weiterbildung kann  das gegenseitige Verständnis von Wissenschaft und gesellschaftlichen Akteuren und Sensibilität wissenschaftlicher Akteure für gesellschaftliche Themenfördern. Die Integration sozialwissenschaftlicher Perspektiven würde auch den Erkenntnisprozess in den Naturwissenschaften befruchten.

Beitrag erstellt am 6. Dezember 2018

Quellen

  • Baker, E., and Beaudoin, Y. (Eds.) 2013. Deep Sea Minerals: Deep Sea Minerals and the Green Economy. Vol. 2, Secretariat of the Pacific Community. Link
  • Bleicher, A., David, M., Rutjes, H. 2018: Rohstoffpolylog –   Governanceinstrumente für eine verantwortungsvolle Entwicklung von Rohstofftechnologien; Policy Brief. Link (letzter Zugriff 8.10.2018)
  • Felt, U., Wynne, B. (2007): Taking European Knowledge Society Seriously. European Commission, Office for Official Publications of the European Communities. Link (letzter Zugriff 8.10.2018).
  • Owen, J. R. 2016. Social license and the fear of Mineras Interruptus. Geoforum 77: 102–105.
  • Owen, J. R., D. Kemp. 2013. Social license and mining: A critical perspective. Resources Policy 38/1: 29–35.
  • Parsons, R., K. Moffat. 2014. Constructing the meaning of social licence. Social Epistemology 28/3– 4: 340–363.
  • Prno, J. 2013: An analysis of factors leading to the establishment of a social licence to operate in the mining industry. Resources Policy 38, 577-590.
  • Stilgoe, J., Guston, D.H. (2016): Responsible Research and Innovation. In: Felt, U., Fouché, R., Miller, C., Smith-Doerr, L. (eds.) The Handbook of Science and Technology Studies, Fourth Edition. MIT Press, Cambridge, 853-880.