Handlungsoptionen

Fishing for Litter

Fischer als Müllsammler, kann das funktionieren? Mit dem Konzept "Fishing for Litter" soll der Beifang an Plastikmüll wieder an Land gebracht und recycelt werden.

Seit 2011 engagieren sich in Deutschland Fischer und Naturschützer gemeinsam gegen die zunehmende Vermüllung von Nord- und Ostsee. Die beteiligten Fischer in den Projekthäfen erhalten kostenlose Sammelsäcke, sogenannte "Big Bags", in denen der Müll auf See aus den Netzen gesammelt und transportiert werden kann. Der Plastikbeifang soll nicht wieder ins Meer geworfen sondern angelandet werden.

In den Häfen stehen Sammelcontainer für die Entsorgung bereit. Sind die Container gefüllt, wird der Müll zentral zwischengelagert und ein bis zweimal pro Jahr auf seine Zusammensetzung und Herkunft untersucht. Den größten Anteil (95,2 %, 2013/2014) an allen im Beifang gefundenen Objekten stellten in Niedersachsen Kunststoffe dar. Die Untersuchung des angelandeten Mülls liefert weitere wichtige Daten zur Belastung der Nord- und Ostsee. Die Koordination läuft über KIMO, ein europaweites Netzwerk von verschiedenen Akteuren im Meeresschutz. Heute (Stand 2017) beteiligen in Deutschland sich mehr als hundertfünfzig Fischer in fünfzehn Fischereihäfen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern an der NABU-Initiative.

Abgesehen von Deutschland finden sich Fishing for Litter-Initiativen in Großbritannien, Schweden, Dänemark, den Niederlanden und Belgien. Das Sammelsystem erwies sich als signifikant und kosteneffektiv. Um sich durchzusetzen braucht es allerdings einen Sinneswandel, denn der Anreiz zum Sammeln von Müll, den andere verursacht haben, ist schwer zu vermitteln. Nehmen die Müllmengen weiter zu, wird durch die Einkommenseinbußen der Fischer weiterer Handlungsdruck entstehen. Denn neben den ökologischen Folgen beschädigen Abfälle Netze, Propeller oder Schiffsrümpfe.

Fishing for Litter gegen Geld in Südkorea

Südkorea geht beim Fishing for Litter einen anderen Weg. Dort wurde ein Rückkaufprogramm eingerichtet. Die Fischer können Müll, den sie "gefangen" und mitgebracht haben, gegen Geld zurückgeben. So soll die Aufmerksamkeit für das "Müllthematik" geweckt sowie relativ kosteneffizient Müll aus dem Meer geholt werden. Das Problem: Die Fischer entsorgen oftmals auf diese Weise elegant auch ihren eigenen Hausmüll oder alte ausgediente Netze. Doch durch die bewusst gering gehaltenen Geldbeträge lassen sich auch viele Fischer nicht motivieren. Die Müllsortierung beansprucht schlichtweg zu viel Zeit. Andererseits müssen die Zahlbeträge gering gehalten werden, um Fehlanreize zu vermeiden. Die Schaffung eines Anreiz- und Bezahlsystems ist insgesamt sehr kritisch zu sehen.

Das Beispiel Südkorea zeigt: Fishing for Litter benötigt eine hohe Eigenmotivation der Fischer, damit möglichst sich viele beteiligen. Die Idee wird auch auf Ebene der EU-Kommission diskutiert, um Fischern eine Perspektive zu geben, wenn Einnahmen aufgrund bestehender Fangquoten ausbleiben. Aber auch an dieser Idee entzündet sich Kritik. Denn viele Fischer belasten mit ihren Schleppnetzen den Grund der Nordsee, wenn sie etwa auf die Jagd nach Plattfischen gehen. Es gibt Areale in der Nordsee, in denen der Boden bis zu viermal pro Jahr umgepflügt wird. Nach Meinung der Kritiker dürfte dies nicht noch durch Zahlungen zusätzlich belohnt werden. Es entstünde eine neue Form der Fischerei-Subvention, die letztendlich auch den Bemühungen um nachhaltige Fischerei schadet.

  • Beim Fishing for Litter engagieren sich Fischer und bringen ihren Müllbeifang zur Entsorgung mit an Land.
  • Das Konzept setzt eine hohe Eigenmotivation der Fischer voraus, die sich beteiligen.
  • Wichiger wäre eine Reduzierung der Produktion von Plastik, denn befindet es sich erst im Wasser, kriegt man es nur schwer wieder heraus.

KIMO - dem Müll in den Meeren Nordeuropas begegnen

Die Meere Nordeuropas vor Vermüllung zu schützen, das ist das Ziel der "Kommunenes Internasjonale Miljøorganisasjon (KIMO, Local Authorities International Environmental Organisation)". Sie wurde 1990 gegründet und vereinigt heute Hafenstädte in Belgien, Niederlande, Deutschland, Norwegen, Schweden, Irland sowie den Faröer Inseln und der Isle of Man als assoziertes Mitglied. Eine ihrer wichtigen Aktivitäten ist die Entwicklung und Implementierung des Programms "Fishing for Litter".

Problemlösung an Land

Nach Ansicht von Dr. Melanie Bergmann, Forscherin am AWI, wäre es wichtiger, direkt bei den Ursachen anzusetzen. Das heißt, bei der Plastikproduktion selbst, die ingesamt gedrosselt werden muss. Ihre Untersuchungen haben ergeben, dass mehr als die Hälfte des Mülls aus Plastik besteht – Tüten, Flaschen und Einwegverpackungen. Wenn man sich die Ausdehnungen des Ozeans vor Augen führt und die Menge an Fischerbooten dagegen hält, die als Müllsammler unterwegs sind, scheint eine Verringerung der Mengen an Land unausweichlich. Und ein weiteres Problem kann durch Fishing for Litter nicht behoben werden, das sich aus der Größe der Plastikteile ergibt. Kleinere Plastikstücke und Mikroplastik können auch von engmaschigen Netzen nicht eingefangen werden.

Das Problem muss demnach an Land gelöst werden. Jede Form der Rückführung aus dem Meer ist nur ein Kurieren an Symptomen und geht oft mit erheblichen ökologischen Begleitschäden einher. Was das Meeresmüllproblem betrifft, würde auch bereits ein verbessertes Müllmanagement (sicherer Transport und Entsorgung) ausreichen. Dann würde kein Müll mehr unkontrolliert in die (Meeres-) Umwelt gelangen. Würden die 20 größten Verschmutzerländer ihren schlecht gemanagten Müll um die Hälfte reduzieren, schlüge sich das auch global wieder: geschätzte 41% Müll würden  dem Meer bis 2025 erspart bleiben. Dies weltweit umzusetzen ist allerdings eine gewaltige technische Herausforderung. Darüber hinaus muss man aber auch sehen, dass Müll selbst bei gutem Management immer ein Umweltproblem darstellt. Denn sehr oft steht die thermische Entsorgung am Ende des Nutzungsweges eines Produkts und dabei wird CO2 und Schadstoffe frei. Daher ist nur die Müllreduktion ein nachhaltiger und umfassender Lösungsansatz – auch Recycling trägt nur begrenzt zur Lösung des Problems bei. Einzelne Maßnahmen könnten lauten:

1. Die Industrie müsste durch die gesetzliche Vorgaben und Anreize gezwungen werden, ‚schlanke‘ und rohstoff-schonende Verpackungen zu verwenden.

2. Besonders unsinnige Verpackungen könnten mit Steuern oder Abgaben belegt werden.

3. Verbraucher sollten – über Informationskampagnen und leicht verständliche Kennzeichnungen der verwendeten Materialien – zu einer Änderung ihres Kaufverhaltens bewegt werden.